Dieser Kurs findet vom 08.07.-15.07.2021 digital statt.
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1.4 Kämpfe um Anerkennung.
Von der Befreiung vom Nationalsozialismus zu Black Lives Matter

Kursbeschreibung

Als ein FDP-Politiker im März 2020 forderte, Achille Mbembe als Eröffnungsredner der Ruhrtriennale auszuladen, kam eine Lawine ins Rollen. Verschiedene Stimmen pflichteten der Forderung bei. Der kamerunische Intellektuelle dürfe nicht sprechen, denn er relativiere den Holocaust und stelle das Existenzrecht Israels infrage. Vehement wiesen andere die Kritik zurück. Zum einen gehe diese an Mbembes Schriften vorbei. Zum anderen handle es sich bei seinen Aussagen nicht um eine Relativierung des Holocaust und eine Infragestellung des Existenzrechts Israels.

Was als Nischendiskussion erscheint, ist in Wirklichkeit ein gesellschaftlicher Konflikt, in dem sich Geschichte und Gegenwart wie in einem Brennglas verdichten. Wessen Stimmen werden gehört? Wer hat Deutungshoheit? Ergänzen sich Perspektiven oder schließen sie sich gegenseitig aus?

Seit 1945 hat sich die deutsche Erinnerungskultur stark gewandelt. Von der Ermordung von Millionen Menschen war und ist es ein langer und umkämpfter Weg hin zu Anerkennung und Entschädigung. Lange Zeit dominierte das Leugnen, Beschweigen und Abwiegeln. Anstatt zur Ruhe zu kommen, sieht sich der „Aufarbeitungsweltmeister“ nun neuen Stimmen gegenüber. Migrantische und Schwarze Perspektiven sind Ausdruck eines globalen Diskurses.

Das Seminar fragt danach, wie sich die unterschiedlichen Geschichten verzahnen, welche verschiedenen Richtungen ihre Erinnerungen einschlagen, überhaupt in welchem Verhältnis Geschichte und Erinnerung zueinander stehen und ob und wann sie miteinander in Konflikt geraten. Die Erschließung von Quellen und die Lektüre von Texten ist dabei essentiell. Die Kursteilnehmenden werden mithilfe der Leiter die jeweiligen Sitzungen vorbereiten und anleiten.

Die Kursleitenden

Christoph Gollasch (Jg. 1985) studierte Sozialwissenschaften und Philosophie mit Schwerpunkt Politikwissenschaft in Leipzig, Edinburgh, Beer Sheva (Israel) und Berlin. Einen Schwerpunkt legte er dabei auf die Geschichte des Nationalsozialismus. Seit mehreren Jahren ist er in der außerschulischen Bildungsarbeit tätig, zuletzt am Deutschen Historischen Museum. Den Kampf mit seiner Promotion am Zentrum für Antisemitismusforschung (TU Berlin) hat er bislang verloren, aber noch nicht aufgegeben.

Tim Sontheimer (Jg. 1988) studierte in Berlin, London und Amman (Jordanien) Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politik des Nahen Ostens und absolvierte seinen Zivildienst in Israel. Seit zwei Jahren arbeitet Tim als Lehrer an einer freien Alternativschule in Berlin und denkt nur noch manchmal an seine abgebrochene Promotion zu Polizei und Protest im Nahen Osten. Tim lebt in einem selbstverwalteten Hausprojekt zusammen mit über 20 Leuten und mehreren Tomatenpflanzen, um die er sich kümmert.