Dieser Kurs findet vom 29.07.-05.08.2021 digital statt.
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7.6 (Musik-)Theater als Arbeit am Mythos.
Klassische Sagen als Interpretationsfolie für das Hier und Heute

Kursbeschreibung

Ursprünglich als Deutungsmuster für eine von der griechischen Kultur der klassischen Epoche überwundenen „barbarischen“ Vergangenheit konzipiert, beweisen einige Mythen der antiken Dichtung und Tragödie über Jahrtausende eine faszinierende Eignung als Spiegel immer neuer Gegenwarten. Von den literarischen Chroniken der ersten großen Zivilisationskatastrophe Europas in Troja (Ilias und Aeneis) z.B. zweigen verschiedene Erzählungen ab, die die Wahrnehmung von Komplexität und Langfristigkeit gewaltsamer Auseinandersetzungen bis heute als Paradigma eines Weltkriegs strukturieren. In der wiederum frühklassischen tragédie lyrique „Iphigénie en Tauride“ des Komponisten C.W.Gluck von 1774 verdichten sich – wie in J.W. Goethes „Iphigenie auf Tauris“ aus dem gleichen Jahr – entscheidende Aspekte des Mythos als ideale Folie für zeitgenössische Musiktheaterarbeit und die Darstellung von Ereignissen des 20. Jahrhunderts und der Jetztzeit. Der Kurs »(Musik)Theater als Arbeit am Mythos« beschäftigt sich anhand dieses Werkes mit theoretischen und praktischen Fragen der Theaterproduktion: Welcher Dialog besteht zwischen dem Stück, seiner Musik und den Lebensrealitäten des 21. Jahrhunderts? Wie entsteht aus diesen Überlegungen ein künstlerisches Konzept für eine Inszenierung? Der Kurs vermittelt poetische Techniken der Erforschung historiographischer, gesellschaftlicher und politischer Strukturen mithilfe einer Interpretation mythischer Stoffe, indem er anhand inszenatorischer Ansätze (inkl. Überlegungen zur ästhetischen Gestaltung: Bühne, Kostüme, Licht etc.) und Erfahrungen mit verschiedenen Spielweisen im Selbstversuch einen sowohl theoretischen als auch theatral-sinnlichen Zugang zu seinen Themen eröffnet.

Die Kursleitenden

Franz-Erdmann Meyer-Herder (Jg. 1990) studierte Kultur- und Bildungswissenschaften in Lüneburg und Dramaturgie an der HfMT Hamburg. 2016-18 arbeitete er als Regieassistent am Theater Bremen und inszenierte auch selbst. Seit 2018 ist er Dramaturg an der Staatsoper Stuttgart, wo er an der Konzeptionierung neuer Produktionen arbeitet. Das von ihm mitkonzipierte mobile Projekt »Die Geschichte vom Soldaten« von Igor Strawinsky wurde für den Opus Klassik 2020 nominiert.

Aileen Schneider (Jg. 1993) studierte Musiktheaterregie an der HfMT Hamburg, wo sie mit einer Inszenierung von „Der Kaiser von Atlantis“ abschloss. Sie arbeitet als Spielleiterin und Regieassistentin an der Oper Frankfurt. Zuvor war sie in gleicher Funktion am Staatstheater Augsburg, wo sie u.a. Philip Glass‘ „In der Strafkolonie“ inszenierte. Sie war Stipendiatin der Richard-Wagner-Stiftung sowie Preisträgerin beim Bundeswettbewerb Komposition. 2010 war sie selbst Teilnehmerin der DSA.