Kurs JGW-1.4
Moderne Nationalmythen und ihr Mittelalter

Identität braucht Vergangenheit. Nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Gemeinschaften wie Städte und Staaten bedienen sich vergangener Ereignisse, um eine Geschichte von sich zu erzählen und sich so selbst zu definieren. Für europäische Nationen war und ist dafür das Mittelalter ein zentraler Bezugspunkt. Als eine Zeit, in der sich Volkssprachen herausbilden und nach dem „Fall“ des römischen Reiches kulturelle und politische Zugehörigkeiten neu verhandelt werden, hält das Mittelalter gut her für Nationalmythen aller Art. Nicht selten sind dies Rückprojektionen und nur lose inspiriert von dem, was aus den mittelalterlichen Quellen hervorgeht. Gleichzeitig aber verraten uns diese Zerrbilder viel Spannendes über die Moderne, die sie hervorgebracht hat.

Der Kurs hat zum Ziel, dass die Teilnehmenden sowohl moderne Nationalmythen als auch ihre mittelalterlichen Bezugspunkte entdecken und so dafür sensibilisiert werden, wie die imaginierte Vergangenheit gegenwärtige Identitäten bestimmt. Thematische Schwerpunkte des Kurses sind u.a. mittelalterliche Diskurse zu sprachlicher und kultureller Gemeinschaft, Philologie und neugotische Architektur der Romantik sowie zeitgenössischer Geschichtstourismus und die Erinnerungspolitik rechter Parteien wie etwa des französischen Rassemblement national.

Die Vorbereitung eines Referates und die Lektüre eines im Vorfeld verschickten Readers mit teilweise englischsprachiger Forschungsliteratur wird vorausgesetzt. Während des Kurses erschließen sich die Teilnehmenden die Thematik mittels gemeinsamer Analyse und Interpretation von Text- und Bildquellen, Rollenspielen und kreativer Schreibaufgaben.

Re-enactment der Schlacht von Hastings anlässlich ihres 950. Jahrestags im Jahr 2016. (Quelle: Eigene Abbildung, Matthias Berger)

Die Kursleitung